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Die Briten Charles Mason und Jeremiah Dixon, ein Astronom und ein Landvermesser, sind im Auftrag der British Royal Society nach Südafrika gereist, um von Kapstadt aus den Venus-Transit am 6. Juni 1761 zu beobachten. Sie wohnen bei einer holländischen Familie und deren Töchtern.

Auszüge aus Thomas Pynchons Roman "Mason & Dixon"

   «Meine Damen, meine Damen», ruft Mason. «- Sie haben sie am Abend erblickt, Sie haben sich bei ihrem Anblick etwas gewünscht, und nun läßt sie sich für kurze Zeit bei Tageslicht sehen und überquert die Sonnenscheibe - und wünschen Sie sich diesmal unbedingt etwas, wenn Sie meinen, daß es hilft. - Wir Astronomen, die wir gewöhnlich des Nachts arbeiten, erhalten so die Möglichkeit, auch einmal am Tage wach zu sein. Unser ganzes Sterngucker-Leben hindurch ist die Venus ein winziger Lichtpunkt gewesen, welcher wie der Mond Phasen durchläuft, und dies immerzu vor dem schwarzen Antlitz der Ewigkeit. Doch am Tage dieses Durchgangs wird sich mit einmal alles umkehren - wenn man sie dunkel, in körperlicher Gestalt und fest vor dem Antlitz der Sonne betreffen wird - eine vom Licht in die Stofflichkeit herabgestiegene Göttin.»

   «Und unsere Aufgabe», fügt Dixon hinzu, «besteht darin, sie dabei zu beobachten, wie sie vor der Sonne vorbeigeht, und die Zeit, zu der sie kommt und geht, zu notieren ...»

« Das ist alles? Das könnten Sie doch auch in England.» Kecke kleine Kinne und schlanke Hälse recken sich hierhin und dahin, blonde Mädchen lachen miteinander, werden unlenksam und unverschämt.

  Man entführt die Mädchen auf eine kurze, doch schwindelerregende Reise geradewegs in den Äther hinauf, bis neben ihnen, im gräulichen Sternenlicht, die alte, schwer beladene Erde liegt und der Lesestock zu einer ausdehnungslosen Lichtrute wird, die glühend weiße Bögen darüberhin schlägt.

   «Parallaxe. Einem Beobachter am Nordkap wird die Bahn des Planeten vor der Sonne sehr viel weiter südlich erscheinen als dieselbe Bahn von hier, am Kap der Guten Hoffnung, beobachtet. Das heißt, je weiter die nördlichen und südlichen Beobachtungspunkte auseinanderliegen, desto besser. Es ist die Winkel-Entfernung dazwischen, die wir ermitteln wollen. Eines Tages wird es jemandem, der in einem Zimmer sitzt, gelingen, sämtliche Beobachtungen von überall auf der Welt auf eine schlichte Zahl von Bogensekunden und -zehntelsekunden zurückzuführen - und das wird dann die Parallaxe sein.

   Wir wollen hoffen, daß einige von Ihnen früh genug wach sind, um den Durchgang zu sehen. Denken Sie daran, beide Augen offen zu halten, und es werden drei Himmelskörper in vollkommener Anordnung sichtbar werden - das heliozentrische System in seinem genauen Mechanismus. Sein Schöpfertum in höchster Reinheit.» Die Mädchen lassen ihre Blicke sich ineinander schlingen wie kunstvoll gelockte Haarflechten und versuchen festzustellen, ob ihnen das begreiflich oder - grausame junge Schönheiten, eine wie die andere - ob es ihnen nicht gänzlich einerlei sein sollte.

 

10

Wie Planeten um die Sonne, so kreisen wir nach Gesetzen, welche ebenso elegant wie die Keplers, um Gott. Gott ist uns ebenso bemerkbar wie eine Sonne einem Planeten. Ob wir ihn gleich nicht sehen, wissen wir dennoch, wo in unserer Umlaufbahn wir uns jeweils befinden - wann wir ihm näher, wann wir ihm ferner sind - wann wir in seinem Lichte und wann wir in selbstverschuldetem Schatten stehen. Wir empfinden als Bestandteile der Schwerkraft seine Liebe, das Bedürfnis nach ihm, was immer es sei, das uns auf unserer Kreisbahn hält. Wenn ein Planet ein lebendes Wesen ist, so weiß er, dank eines Vermögens, das noch wunderbarer ist als die menschliche Sehkraft, mit Gewißheit, wo seine Sonne scheint, und liege sie noch so fern.

- Revd Wicks Cherrycoke, Unveröffentlichte Predigten

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Irgendwo auf der Welt kann irgendwer, der den Planeten dunkel sich vor die Sonne schieben sieht - dunkel, zornig, sterblich, wahrhaftig die Göttin in ganz anderer Erscheinung- sich nicht enthalten, genau im fraglichen Augenblick mit einem Stück aus Sapphos Fragment 95 herauszuplatzen, womit er die Beobachtung vermeintlich scheitern macht -

   «Abendstern - bringst alles heim, was der strahlende Morgen zerstreute - bringst das Schaf, bringst die Ziege - bringst zurück zur Mutter die Tochter.»

   «Danke, daß Sie uns das mitgeteilt haben ... wenn man bedenkt, daß wir Sonnenaufgang haben, mein Bester, Aufgang, nicht Sonnenuntergang. »

   «Kommen Sie! Sie hat sich noch nicht losgelöst!»

   «Woll'n sehen. Nun schauen sie sich das an.» So etwas wie ein langer schwarzer Faden verbindet sie noch mit dem Limbus der Sonne, ob sie sich gleich ein ganzes Stück über deren Antlitz geschoben hat, ähnlich einem Tintentropfen, der - freilich waagerecht - im Begriff steht, von der Feder eines achtlosen Schreibers zu fallen - «Rasch! Jemand soll die Zeit festhalten -»

   Zu solchem oder ähnlich merkwürdigem Gebaren kommt es an jenem fünften und sechsten Juni den ganzen Tag lang überall auf der Welt, auf lateinisch, chinesisch, polnisch oder schweigend - auf Dächern und Berg-Gipfeln, aus Schlafzimmer-Fenstern heraus, dicht beieinander im nackten Sonnenlicht, während die Ehefrau auf die Schläge der Uhr achthat - durch Newtonsche und Gregorysche Fernrohre, achromatische und regenbogenfarbig verunreinigte Linsen, nagelneue, eigens zu dem Anlaß hergestellte Reflektoren und altertümliche Refraktoren von unsinniger französischer Brennweite - Beobachter liegen, sitzen, knien - und sind Zeugen einer Himmelserscheinung. Unter denen, die weltweit hinter Okularen harren, erzeugt der Augenblick der ersten Berührung ein kollektives Gehirnweh, wie nach etwas Verlorenem und schon nicht mehr Einzuforderndem - nach den Jahren der Vorbereitung, der langen und bestenfalls Übelkeit erregenden Reise, dem Eintreffen am Beobachtungsort, der genauen Feststellung von Breite und Länge - der Woche des Durchgangs - dem Tag - der Stunde - der Minute - heißt es endlich: «Wie ? Wo bin ich ? »

   Astronomen werden danach trachten, vier Momente vollkommener Tangenz zwischen der Venus- und der Sonnenscheibe festzuhalten. Zwei ergeben sich beim Eintritt - ein äußerer Kontakt bei der ersten Berührung des Sonnenlimbus von außen, dann ein innerer Kontakt in dem Moment, in welchem sich die kleine schwarze Scheibe endlich vom inneren Umkreis der großen gelben löst und die Venus dann allein vor dem Antlitz der Sonne steht. Die anderen beiden ereignen sich beim Austritt - diesmal zuerst der innere und dann der äußere Kontakt. Und danach dauert es wieder acht Jahre bis zur nächsten, und für diese Generation letzten, Gelegenheit - als hätte der Schöpfung finsterer Ingenieur die Zwischenzeiten absichtlich so bemessen, um eine Belehrung über die Grenzen, welche die Sterblichkeit der menschlichen Größe setzt, zu bewirken.

   Der Himmel bleibt bis zum Tage des Durchgangs, Freitag den fünften Juni, bewölkt. Verglichen mit den Astronomen, die unnatürlich ruhig wirken, stieben sowohl die Zeemanns als auch die Vrooms in ungewohnter Geschäftigkeit umher.

   «Lauter fliegende Holländer», bemerkt Mason.

   Dixon pflichtet ihm bei. «Und dabei sind sie sonst so phlegmatisch . . . »

   Els kommt auf bloßen Strümpfen über den Boden geschlittert und eilt mit einer Schürzevoll Kartoffeln nach der Küche. « Unbesorgt!» ruft sie, «es wird noch rechtzeitig genug aufklaren!» Selbst Cornelius hält sich auf dem Dach auf, sucht mit einem Kieker die Nebel ab und meldet vielversprechende Winde und helle Flecken. « Vor einem wolkenlosen Tag ist es immer so», versichert er ihnen. Die Sklaven sprechen unhörbar, und man kann sie dabei beobachten, wie sie nach den Bergen hin starren. Nie haben sie ihre Besitzer sich derart aufführen sehen. Sie beginnen, Mason und Dixon zaghaft doch direkt anzulächeln.

   Von denen einer schlaflos, und der andere nicht. Keine zwei Menschen im Hause können sich hinterher darauf einigen, wer welcher gewesen. Tropfen von, so stellt sich heraus, ketjap in der Speisekammer lassen auf Dixon als den Ruhelosen schließen, während ein auf einer Lege-Batterie abgestelltes Weinglas auf Mason hindeutet. Der Rasselwächter läßt es sich angelegen sein, jede Stunde vorbeizukommen, vor Zeemanns Haus die Nachtzeit auszurufen und hinzuzufügen: « Und noch immer vollständig bewölkt! »

   Irgendwie sind beim ersten Tageslicht alle wach. «Die Sonne ging bei dichtem Nebel auf und verschwand sogleich hinter einer dunklen Wolke», wie Mason und Dixon später in den Philosophical Transactions berichten werden. Die Uhrzeit ist 0 Uhr, 12 Minuten, 0 Sekunden. Dreiundzwanzig Minuten später erblicken sie zum ersten Mal die Venus. Beide haben das Auge an die Okulare identischer, von Mr. Short gebauter Gregoryscher Reflektoren mit Verdunkelungs-Vorsätzen von Mr. Bird gedrückt.

   «Ein ziemliches Flimmern», murrt Mason. «Sie werden noch ein Stück am Himmel aufsteigen müssen. Und da kommt auch schon wieder dieser verwünschte Nebel.»

   Als Dixon den Planeten ausmacht, wird er gleichsam zum bekehrten Sünder. «Da! Gott in seiner Herrlichkeit! »

   «Gemach», mahnt Mason mit verärgerter Stimme.

   Dixon erinnert sich der Geschichte von Galileo vor den Kardinälen, die Emerson so gern erzählte: wie sich der Astronom, nachdem man ihn zum Widerruf gezwungen, mühsam erhoben und gemurmelt hatte: «Und sie bewegt sich doch.» Man beobachte so geduldig wie zuvor den Minutenzeiger der Uhr, man liege still genug, und alles gerät in Bewegung... Das, begreift Dixon, ist es, wofür Galileo so viel aufs Spiel gesetzt - diese majestätische Häresie in der Morgendämmerung. «Nicht nur konnte man unseren Schöpfer bei seiner Arbeit», vertraut er Mason später an, «sondern auch Newton und Kepler in der ihrigen bestätigt sehen. Daß alles genau wie berechnet eintraf und die drei Himmelskörper sich zu einer einzigen Linie formierten ... es hat mich wahrhaftig ganz benommen gemacht.» Was immer die Ursache, die Zeiten, die er registriert, sind denen Masons um zwei bis vier Sekunden voraus.

   «Nun müssen wir zu allen anderen Korrektionen, die noch vorzunehmen sind, eine weitere für observatorische Ungeduld anbringen», vermutet Mason, - «vielleicht nennen wir sie <Leonation> - »

   «Ebensogut könnten wir wegen <Taurizität> berichtigen», erwidert Dixon, «das heißt, Verzögerungen aufgrund von unbeugsamer Bedenklichkeit.»

   Auch die Mädchen beobachten den Durchgang, nachdem sie einen Seemann ihrer Bekanntschaft beschwatzt, ihnen einen Kieker zu leihen, und sich mit Schafstalg-Kerzen selbst Verdunkelungs-Linsen geschwärzt - so wechseln sie sich am Glase ab, erlauben dann und wann auch ihren Eltern einen kurzen Blick -Jet haucht: «Sie ist wirklich da», Greet fügt hinzu: «Und ganz pünktlich! », und Els - tja - wir können uns denken, was Els im Schilde führte und was ruchbar wurde, gerade als der schwarze Faden, welcher den Planeten am inneren Limbus der Sonne festhielt, endgültig riß und die Venus zuletzt in voller Gestalt auf jene scheckichte strahlende Scheibe fiel, welche die Linsen zu einem dem Auge erträglichen, grimmigen Mond getrübt hatten.

Nach dem Transit bleibt Dixon noch am Kap, während Mason nach St. Helena reist, um dort mit dem britischen Astronomen Neville Maskelyne weitere Messungen durchzuführen.

from MASON & DIXON copyright © by Thomas Pynchon:
used by permission of Melanie Jackson Agency, L.L.C.

Thomas Pynchon: Mason und Dixon, deutsch von Nikolaus Stingl
Copyright (c) 1999 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek
1022 Seiten, ISBN: 3-499-22907-2
Seiten 127-129 und 132-135

Besprechungen und Links: (1)

Mason and Dixon at the Cape (Astronomical Society of South Africa)