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Arno Schmidt: Das schönere Europa (4)

B.: 

Berauschend, wie der spannendste Roman, zu verfolgen das wahrhaft globale, wirklich den Erdball handgreiflich umkreisende, Zusammenarbeiten jener achtzig Stationen !

A.: 

In Europa also ist es Abend. Erst spät sinkt die Junisonne; nähert sich dem Horizont: eine halbe Stunde vor Untergang richten, von Riga bis Lissabon, die Daheimgebliebenen ihre Instrumente, mit Blendgläsern wohl versehen, auf den nordöstlichen Sonnenrand, wo Venus, ein winziger scharfumrissener Schwarzkreis, in das mächtige, hundertfach vergrößerte flammige Sonnenrund eintreten wird. Es sind die ªGroßen alten Männer´ der Astronomie: Maskelyne und Dollond in Greenwich; Wollaston in Dereham; Bradley auf Kap Lizard, dem westlichsten Ende Großbritanniens: dort sieht man nämlich das Phänomen 5 Minuten länger als in London!

B.: 

In Paris legt der greise Cassini das Auge ans Okular; neben ihm Maraldi und Messier, der den ersten Sternhaufenkatalog lieferte. In Colombes ist es Bernoully; in Brest Leroy - dem Kenner eine Perlenschnur erlauchtester Namen: Keiner, nach dem nicht mindestens ein Mondgebirge hieße!

A.: 

Aber das Tagesgestirn sinkt rasch ! In Gibraltar schreibt Gardiner mit triumphierend-fliegender Hand ins Diarium: ª52 Sekunden vor Verschwinden der Sonne Eintritt gesehen!´ - dann senkt sich Nacht über Europa. - (etwas leiser) : allerdings waren alle diese Beobachtungen nahezu unbrauchbar wegen des tiefen Sonnenstandes, und des, durch die Dünste des Horizontes bedingten, Wallens der Gestirnränder. Eben dies war auch der Nachteil im Norden; wo die Mitternachtssonne zwar nicht unterging, aber doch bis auf nur 6 Grad über dem Horizont sich senkte.

B.: 

Aber wenn auch für Europa die Sonne sinkt: sogleich übernehmen die Stationen der amerikanischen Ostküste, bei denen es noch 15 Uhr nachmittags ist. Bei sehr heiterem Himmel sehen in Philadelphia Shippen, Williamson, Thompson, durch ihre kleinen Achromate. In Cambridge übernimmt Winthrop. Es folgt Providence. Um 14 Uhr 27 Quebec in Kanada; etwa gleichzeitig im Süden die Franzosen auf Martinique und San Domingo.

A.: 

13 Uhr 15 Minuten 93 Sekunden nachmittags ist es, als Dymond und Wales bei Fort Churchill den Eintritt registrieren: sie können ruhig sein. Schönstes Wetter, und also alle Aussicht, abends gegen 14 Uhr Ortszeit, auch den Austritt verläßlich messen zu können.

B.: 

ª17 Minuten nach 12´ vermerken die kalifornischen Beobachter auf ihrem Notizblock. / 9 Uhr 44 Minuten 4 Sekunden morgens ist es auf Tahiti, als der Planet in die Sonne eindringt. / 9 Uhr 41 registriert de Romas in Manila; etwa gleichzeitig Peking und Jakutsk. / 8 Uhr 46: Batavia. / 7 Uhr 21: Dinapur in Indien, 300 Kilometer nordwestlich von Kalkutta. / Dann setzen geschlossen die Russen ein: Orsk, Guriew, Orenburg, Leningrad, Ponoi.....
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Mit freundlicher Genehmigung ©  Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld

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