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Arno Schmidt: Das schönere Europa (3)

A.: 

Dennoch umspannte am großen Tage ein Netz von Observatorien den ganzen Erdball: auf achtzig Stationen mit insgesamt einhundertfünfzig Beobachtern ersten Ranges richtete man Instrumente nach oben; in Astrachan und Peking nicht minder, als in Batavia oder Quebec! - Aber unter welchen Entbehrungen war das erreicht worden; unter welchen Anstrengungen; welcher selbstlosen Hingabe - bis zu der des eigenen Lebens!

B.: 

Denn, wie gesagt, ein volles Jahr vorher mußten manche der Gelehrten bereits aufbrechen, in den Nußschalen der damaligen Segelschiffe! Bahnten sich ihren Weg zwanzigtausend Kilometer weit durch heulende Indianerstämme, durch feucht-kalte oder -heiße Urwälder; über eisige Wildströme; durchfuhren im Schlitten die sibirischen Tundren; quälten sich ums Feuerland: und es waren zumeist nicht mehr die jüngsten; viele davon im Dienst der Urania ergraute Rauschebärte! Alle Jahrgänge waren vertreten, von 25 bis 70 !

A.: 

Endlos wurde die Liste der Fehlschläge und Enttäuschungen! - Véron war 1768 in die Südsee gestartet: er kam, aufgehalten durch widrige Winde, dennoch zu spät; der große Tag überraschte ihn auf See, wo, auf dem wankenden Schiffsdeck, keine verläßliche Aufstellung des Instrumentes möglich war; er starb im Mai 1770, fern der Heimat, an gebrochenem Herzen: das gibt es, auch in der Wissenschaft ! - Chappé vollbrachte in Kalifornien seine Aufgabe: acht Wochen später erlag er den Anstrengungen der Hinfahrt!

B.: 

Aber könnte man solchen Lebensabschluß immerhin noch als ideal-dramatisch bezeichnen, so gab es anderswo auch die gleichzeitig perfideste und platteste aller möglichen Enttäuschungen: schlechtes Wetter! - Nach vielmonatigen abenteuerlichen Reisen standen sie dann, niedergeschlagen, wie betäubt, unter dem feindselig-dicken Himmel, in Indien, in Lappland. An manchen Stellen war es nur >>bewölkt<< : dann wurden mit fliegender Hand die paar armen Minuten genützt; vielleicht waren doch einige der Notizen brauchbar ?

A.: 

Denn gerade im Norden war die Witterung auffallend ungünstig! Immer wieder erscheint der bekümmerte Vermerk: >>Innerer Eintritt hinter einem Wolkenschleier erraten<<; oder: >>Beim Austritt Wolken- dieser daher ganz unzuverlässig<<; oder: >>Sämtliche Momente hinter Dünsten mehr vermutet und geschätzt als gesehen<<. Dafür wurde allerdings die alles entscheidende genaue Zeit- und geografische Längenbestimmung im Norden durch eine, wenige Stunden später erfolgende, Sonnenfinsternis sehr erleichtert.
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Mit freundlicher Genehmigung ©  Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld

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