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Arno Schmidt: Das schönere Europa (2)

B.: 

Für den 3. Juni 1769 war das seltenste Ereignis vorausberechnet; aber dergleichen ist nie auf der ganzen Erde sichtbar: die Sonne muß ja zumindest über dem Horizont, also Tag sein, um ihre Scheibe, und Venus auf dieser, wahrnehmen zu können. Also hieß es genau die Regionen zu bestimmen, wo der Durchgang voll sichtbar sein würde: das war der Fall im höchsten Norden Europas; in ganz Nordsibirien; im größten Teil des Pazifik; sowie in der westlichen Hälfte Nordamerikas. Im restlichen Asien und Australien ging die Sonne auf, mit Venus bereits auf der Scheibe; man sah also, im Laufe des Vormittags, nur noch den Austritt des Planeten. In Südamerika und Westeuropa war, umgekehrt, lediglich in den späten Abendstunden der Eintritt zu beobachten dann sank die Sonne bald, mit Venus auf ihrer Scheibe. Über Afrika und dessen ganzen südatlantischen Sektor bis hin zum Pol lag Nacht; dort blieb die Erscheinung unsichtbar.

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Dies also ein neues Hindernis: ausgerechnet in den entferntesten Teilen des Globus waren die wichtigsten Beobachtungsstationen erwünscht; und damals flog man noch nicht in 4 Stunden im Düsenbomber über den Atlantik! Aber es gelang den vereinten Anstrengungen der europäischen Gelehrtenrepublik - vor allem eben unter Hinweis auf die zu erwartenden praktischen Ergebnisse - die Unterstützung der Regierungen oder finanzkräftiger Privatleute zu gewinnen.

B.: 

Der König von Dänemark lud den Arbeitsstab der Wiener Sternwarte, Hell, Sainovicz, Borggrewing, nach Nordnorwegen ein. Adolf Friedrich von Schweden gab Stipendien an die Gelehrten seiner Universitäten: in Stockholm richtete sich Wargentin auf die Beobachtung ein; in Upsala Strömer; in Lund Schenmark; nach dem damals schwedischen Finnland brachen Expeditionen auf

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Zarin Katharina ließ auf ihre Kosten in den berühmtesten westlichen Werk- stätten zusätzlich Instrumente anfertigen, und sandte die Mitglieder ihrer Petersburger Akademie ins weite russische Reich: Rumowski nach Kola an die Murmanküste; Islennieff ins ferne Jakutsk; Kraft nach Orenburg; Euler nach Orsk; Inochodsow nach Guriew.

B.: 

Frankreich stattete Expeditionen aus: nach Kalifornien ging Chappé; Pingré nach San Domingo; in die indische Besitzung Pondicherry fuhr le Gentil. Der große Entdecker Bougainville war schon früher mit einer Fregatte in den Pazifik entsandt worden; der ihn begleitende Astronom Védron war dort geblieben, um sich eine geeignete Insel auszusuchen.

A.: 

England rüstete Schiffe: Call wurde nach Madras gebracht. Die Londoner Royal Geographic Society schickte auf ihre Kosten Dymond und Wales an den Westrand der Hudsonbay ins nördlichste Manitoba. Und am 26. August 1768 - ein Jahr vorher, um ja zur rechten Zeit zu kommen! - verließ die >>Endeavour<<, dreihundertsiebzig Tonnen (!), Kapitän James Cook, den Hafen von Plymouth, um die Astronomen Banks, Solander und Green nach Tahiti zu befördern: noch heute steht er auf der Karte der Insel eingetragen, der >>Observation Point<< ! (Daß bei dieser Gelegenheit die Inselnatur Neuseelands und Neuguineas erkannt, sowie die gesamte Ostküste Australiens kartografiert wurde, waren unverächtliche Nebenergebnisse: man vergesse jedoch nie den eigentlichen Anlaß jener berühmten Reise).

B.: 

Ein Staat, auch dies sei festgehalten, schloß sich aus: Spanien, das Land ohne Renaissance. Vergeblich versuchten erst die Französische Akademie, dann selbst der damalige Premier Frankreichs, der Herzog von Cholseul, die Erlaubnis zur Errichtung einer Beobachtungsstation in den spanischen Besitzungen in der Südsee zu erlangen - man hatte in Madrid an nichts, oder doch so gut wie nichts, Interesse.
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Mit freundlicher Genehmigung ©  Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld

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